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Klimawandel in den Alpen: Was sich 2025 verändert hat und was das für Bergsportler bedeutet

Thorsten·
29. Jän. 2026
·
14 Min.
Klimawandel in den Alpen: Das Gebirge im Umbruch

Klimawandel in den Alpen: Das Gebirge im Umbruch

2025 markiert einen Wendepunkt: Rekord-Gletscherschmelze, verheerende Bergstürze und neue Gefahren für den Bergsport

Die Alpengletscher verlieren ihr Eis schneller als je zuvor gemessen
Dramatisch schmelzender Alpengletscher mit sichtbaren Schmelzwasserbächen und freiliegendem Fels

Die aktuelle Lage: Alpen erwärmen sich doppelt so schnell

Als ich letzten Sommer am Aletschgletscher stand, fiel mir auf, wie weit sich das Eis in nur fünf Jahren zurückgezogen hatte. Die Moräne, über die wir damals noch problemlos zum Eis gelangten, liegt heute hunderte Meter vom Gletscherrand entfernt.

Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Während die globale Durchschnittstemperatur seit der vorindustriellen Zeit um etwa 1,2 Grad gestiegen ist, hat sich der Alpenraum bereits um rund 2 Grad erwärmt. In höheren Lagen ist der Effekt noch ausgeprägter, mit weitreichenden Folgen für Gletscher, Permafrost, Wasserhaushalt und die gesamte alpine Ökologie.

Das Jahr 2024 war weltweit das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Vereinten Nationen haben 2025 deshalb zum Internationalen Jahr der Erhaltung der Gletscher erklärt – ein deutliches Signal für die Dringlichkeit der Situation.

Erwärmung im Alpenraum

+2°C

Seit dem späten 19. Jahrhundert – doppelt so stark wie der globale Durchschnitt
Weniger Details

Gletscherverlust 2022–2023

10%

In nur zwei Jahren haben die Alpengletscher ein Zehntel ihrer Eismasse verloren
Weniger Details

Niederschlagsrückgang Südalpen

-10-20%

Die südlichen Alpenregionen verzeichnen deutlich weniger Niederschlag
Weniger Details

Gletscherschwund: Historische Verluste in Rekordzeit

Die Zahlen sind alarmierend: Weltweit verlieren Gletscher durchschnittlich 273 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Das entspricht dem fünfeinhalbfachen Volumen des Bodensees – Jahr für Jahr.

Die Alpen sind besonders betroffen: Mit 39 Prozent Masseverlust zwischen 2000 und 2023 weisen sie im weltweiten Vergleich die schnellsten Schmelzraten auf. Der Österreichische Alpenverein dokumentiert für 2021/22 den größten Gletscherschwund seit Beginn der Messungen im Jahr 1871.

Der Unterschied ist mittlerweile mit freiem Auge sichtbar: Routen, die vor 20 Jahren noch über Eis führten, verlaufen heute über blanken Fels. Alte Tourenführer stimmen vielerorts nicht mehr mit der Realität überein.

Der Rückzug der Gletscher ist auch für Laien deutlich sichtbar
Vergleichsbild eines Alpengletschers: historische Ausdehnung im Vergleich zur aktuellen Situation

Gletscherentwicklung in den Alpen

Zeitraum
1850
Gletscherfläche
ca. 4000 km²
Entwicklung
Referenzwert (Ende der Kleinen Eiszeit)
Zeitraum
1970
Gletscherfläche
ca. 2900 km²
Entwicklung
Bereits 25 % Verlust
Zeitraum
2024
Gletscherfläche
ca. 2000 km²
Entwicklung
Über 50 % seit 1850 verloren
Zeitraum
2050 (Prognose)
Gletscherfläche
ca. 1000 km²
Entwicklung
Weitere 50 % Verlust erwartet
Zeitraum
2100 (Prognose)
Gletscherfläche
nahe 0 km²
Entwicklung
Alpen weitgehend eisfrei

Wissenschafter sprechen vom „Peak Glacier Extinction", dem Höhepunkt der Gletscherschmelze. In den Alpen könnte dieser schon ab 2033 erreicht werden. Das klingt paradox, bedeutet aber: Ab diesem Zeitpunkt gibt es schlicht nicht mehr genug Eis, das noch schmelzen könnte.

Selbst bei optimistischen Klimaszenarien mit einer Begrenzung auf 1,5 Grad Erderwärmung werden bis zum Ende des Jahrhunderts nur noch etwa 430 Gletscher (12 Prozent) übrig bleiben. Bei vier Grad Erwärmung wären es gerade einmal 20, ein Prozent der heutigen Gletscher.

Der Bergsturz von Blatten: Wenn die Alpen ins Rutschen geraten

Am 28. Mai 2025 ereignete sich im Schweizer Lötschental eine Katastrophe, die den Zusammenhang zwischen Klimawandel und alpinen Naturgefahren auf tragische Weise verdeutlichte. Rund neun Millionen Kubikmeter Eis, Schlamm und Gestein brachen oberhalb des Dorfes Blatten ab.

Die Lawine aus Geröll traf den darunterliegenden Birchgletscher, der unter dem zusätzlichen Druck nachgab. 90 Prozent des Dorfes wurden verschüttet. "Das Unvorstellbare ist eingetroffen. Wir haben das Dorf verloren", sagte Gemeindepräsident Matthias Bellwald auf einer Pressekonferenz.

Der Bergsturz von Blatten war kein isoliertes Ereignis. 2017 kamen am Piz Cengalo in der Schweiz acht Menschen ums Leben, als etwa drei Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal stürzten. Der Gletschersturz an der Marmolata in den Dolomiten 2022 forderte ebenfalls Todesopfer.

Die Ursache ist in allen Fällen dieselbe: Auftauender Permafrost destabilisiert das Gestein, steigende Temperaturen bringen Gletscher zum Kollabieren, und Starkregen verstärkt die Erosion.

Permafrost: Der unsichtbare Kitt der Alpen taut auf

Permafrost ist vielen weniger bekannt als Gletscher, dabei ist er mindestens ebenso wichtig für die Stabilität der Alpen. In den Alpen gibt es flächenmässig sogar mehr Permafrost als Gletscher. Diese ganzjährig gefrorene Schicht aus Sediment, Fels und Erde hält Felsmassen wie ein unsichtbarer Kitt zusammen. Südseitig kommt er ab etwa 3000 Metern vor, nordseitig ab etwa 2400 Metern.

Wenn dieser gefrorene Boden auftaut, verlieren Felsen ihren Zusammenhalt.

Die Auftauschicht des Permafrosts wird im Sommer vielerorts mächtiger. Dadurch dringt Wasser in den Fels ein, und der Wasserdruck destabilisiert die Felsmassen. Zusätzlich sammelt sich Wasser in Felsspalten, dehnt sich beim Gefrieren aus und sprengt buchstäblich das Gestein.

Forscher der Universität Genf haben Steinschlag seit 1920 anhand von Baumschäden untersucht. Ihr Fazit: Ab Mitte der 1980er-Jahre erreichte die Aktivität ein neues und bisher beispielloses Niveau.

Auswirkungen auf den Bergsport

Für Bergsteiger und Wanderer werden die Veränderungen zunehmend spürbar. Klassische Hochtourenrouten werden unpassierbar oder deutlich gefährlicher. Hütten kämpfen mit Wassermangel, Wege werden durch Murenabgänge zerstört, und die Steinschlaggefahr steigt kontinuierlich.

Besonders berüchtigt ist die Route am Mont Blanc: Im Sommer geht am Goûter-Couloir alle 37 Minuten ein Steinschlag über die Aufstiegsroute nieder. Auch am Matterhorn ist die Gefahr gross geworden. Routen, die vor Jahrzehnten als sicher galten, sind heute Hochrisikounternehmungen.

Ein Bergführer aus Chamonix berichtete: "Wir müssen mittlerweile fast wöchentlich unsere Routenempfehlungen anpassen. Was gestern noch ging, kann heute schon zu gefährlich sein." Berghütten melden früher volle Lager, weil sich die sicheren Zeitfenster verschieben. Alte Tourenführer aus den 90ern spiegeln in vielen Bereichen nicht mehr die aktuelle Realität wider.

Was bedeutet das für deine Tourenplanung?

Szenario 1
Wenn

Wenn du klassische Hochtouren planst

Dann

informiere dich tagesaktuell über die Verhältnisse beim jeweiligen Alpenverein oder bei Hüttenwirten

Szenario 2
Wenn

Wenn du in Gletschergebieten unterwegs bist

Dann

rechne gegenüber älteren Karten mit deutlich veränderten Wegführungen

Szenario 3
Wenn

Wenn du in Hitzeperioden in höhere Lagen gehst

Dann

starte früh und meide südseitige Felspassagen ab Mittag, weil die Steinschlaggefahr erhöht ist

Szenario 4
Wenn

Wenn du eine Tour aus einem älteren Führer nachgehst

Dann

prüfe unbedingt aktuelle Berichte, denn die Bedingungen können sich grundlegend geändert haben

Ideal für

Bergsteiger, Hochtourengeher und ambitionierte Wanderer im alpinen Gelände

Nicht ideal für

Diese Problematik betrifft hauptsächlich Regionen über 2500 m. Tageswanderungen in tieferen Lagen sind weniger betroffen.

Die Auswirkungen betreffen auch die alpine Infrastruktur. Berghütten kämpfen in trockenen Sommern mit Wasserknappheit, mit Schäden durch Starkregenereignisse und einer zunehmenden Instabilität des Untergrunds. Mancherorts sacken Almhütten ab, weil sich der Permafrostboden darunter bewegt.

Mehr Murenaktivität durch Starkregenereignisse bedeutet einen höheren Instandhaltungsaufwand bei Wegen. Durch den Gletscherrückgang sind viele Routen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form begehbar: Die Zugänge haben sich verändert, Brücken über Gletscherspalten sind verschwunden.

Skifahren in den Alpen: Wie lange noch?

Der Wintersport ist vom Klimawandel besonders betroffen. Eine Studie des Schnee- und Lawinenforschungszentrums SLF in Davos rechnet bis Ende des Jahrhunderts mit 70 Prozent weniger Schnee in den Alpen. In den vergangenen 15 Jahren haben bereits rund 60 Skigebiete aufgegeben.

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik hat für Österreich berechnet, dass die Dauer der Schneedecke über alle Höhenlagen seit 1961 um 40 Tage abgenommen hat. In München gibt es heute im Schnitt 20 Tage mit Schneedecke weniger als in den 1950er Jahren.

Immer mehr Skigebiete sind auf Kunstschnee angewiesen – mit steigenden Kosten und Umweltauswirkungen
Skigebiet mit deutlich sichtbaren grünen Flecken und Kunstschnee-Beschneiung

Die Prognosen sind eindeutig: Im Jahr 2100 wird es in tiefen Lagen kaum noch natürlichen Schnee geben, wenn keine weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen greifen. Auf 1000 Metern Höhe würde die Dauer der Schneedecke um 70 Prozent abnehmen.

Viele Skigebiete setzen auf Kunstschnee als Lösung, doch das ist energie- und wasserintensiv und verschiebt das Problem nur nach oben. Die Branche steht vor der Herausforderung, ihr Angebot zu diversifizieren und nicht allein auf den Skisport zu setzen.

Wasserturm Europa: Das blaue Gold der Alpen

Die Alpen sind nicht nur ein Erholungsgebiet, sondern auch der größte Süßwasserspeicher Europas. Sie liefern rund 40 Prozent des kontinentalen Süßwassers und versorgen über große Flusssysteme wie Rhein, Donau, Po und Rhône Millionen Menschen.

Mit einem jährlichen Durchschnitt von etwa 1450 mm Niederschlag befördert der Alpenraum 216 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr in die Vorlandregionen: über den Rhein bis zur Nordsee, über Inn-Isar und Donau bis zum Schwarzen Meer sowie über Po und Rhône ins Mittelmeer.

Aktuell stammen in den Sommermonaten 60 bis 70 Prozent des Wassers in Hochgebirgsbächen aus der Gletscherschmelze. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird der Abfluss in solchen Bächen nur mehr 25 Prozent der heutigen Wassermenge betragen – mit weitreichenden Folgen für die Wasserversorgung flussabwärts.

Die Rhône zeigt seit 1990 bereits einen deutlichen Abflussrückgang. Die vier großen alpenbürtigen Flüsse beziehen ihr Wasser zu etwa 50 Prozent aus dem Alpenbogen. Wenn dieser Speicher schwindet, hat das Konsequenzen weit über die Bergregionen hinaus.

Artenvielfalt: Edelweiß und Enzian in Gefahr

Der Klimawandel verändert nicht nur die unbelebte Natur der Alpen. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ist betroffen, und ein Artensterben wird zunehmend wahrscheinlich, wie der Biodiversitätsforscher Stefan Dullinger von der Universität Wien warnt.

Das Problem: Aufgrund steigender Temperaturen weicht die Gebirgsflora immer weiter Richtung Gipfel aus. Wärmeliebende Arten breiten sich nach oben aus und verdrängen die dort heimischen Spezies. Doch am Gipfel ist Schluss: Höher können die Arten nicht mehr ausweichen.

Durch den Klimawandel drohen Edelweiß und viele Enzianarten auf vielen Bergen auszusterben. In manchen Gebirgsregionen könnten laut Studien sogar über 80 Prozent der spezialisierten Pflanzenarten verloren gehen.

Bei Tieren sieht es ähnlich aus: In den italienischen Alpen wird sich die Baumgrenze bis Ende des Jahrhunderts um etwa 350 Meter nach oben verschieben. Das bedeutet eine Abnahme der Schneehuhn-Lebensräume um bis zu 50 Prozent, ohne Möglichkeit, auf noch höhere Lagen auszuweichen.

Was du als Bergsportler tun kannst

Der Klimawandel in den Alpen ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Als Bergsportler hast du aber durchaus Handlungsmöglichkeiten – für deine eigene Sicherheit und zum Schutz der Bergwelt.

  1. 1

    Anreise überdenken

    Die An- und Abreise verursacht den größten Teil des CO2-Fußabdrucks von Bergtouren. Öffentliche Verkehrsmittel, Fahrgemeinschaften oder längere Aufenthalte vor Ort reduzieren die Emissionen deutlich.

  2. 2

    Aktuelle Verhältnisse recherchieren

    Vor jeder Tour aktuelle Bedingungen beim Alpenverein, bei Hüttenwirten oder auf Tourenportalen prüfen. Alte Führer und Karten können veraltete Informationen enthalten.

  3. 3

    Früh starten bei Hitze

    In Hitzeperioden früh aufbrechen und südseitige Felspassagen vor der Mittagssonne passieren. Die Steinschlaggefahr steigt mit den Temperaturen.

  4. 4

    Tourenwahl anpassen

    Klassische Eistouren durch alternative Felskletterrouten ersetzen. Viele Regionen bieten hervorragende Alternativen, die weniger vom Gletscherschwund betroffen sind.

  5. 5

    Naturschutz vor Ort praktizieren

    Auf markierten Wegen bleiben, keinen Müll hinterlassen und sensible Bereiche meiden. Gerade in Zeiten des Artensterbens zählt jeder Beitrag zum Erhalt der Lebensräume.

Auch auf politischer Ebene kannst du Einfluss nehmen. Organisationen wie der Deutsche Alpenverein setzen sich für Klimaschutz und nachhaltige Bergwirtschaft ein. Mitgliedschaft und Engagement stärken diese Stimme.

Die Realität ist: Die Veränderungen der nächsten Jahrzehnte sind bereits unabwendbar. Aber das Ausmaß dessen, was nach 2050 passiert, hängt davon ab, ob wir unsere Klimaziele einhalten. Jede eingesparte Tonne CO2 macht einen Unterschied.

Über den Autor

Thorsten

CMO bei SportFits · Redaktion: evidenzbasierte Fitness, Training & Longevity

Thorsten schreibt im Magazin über Training, Gesundheit und Ernährung, mit einem klaren Anspruch: Inhalte müssen nachvollziehbar, praktisch und frei von Hype sein. Er nutzt Studien, Leitlinien und Erfahrungen aus dem Sportalltag, ordnet Trends kritisch ein und zeigt auch Grenzen, Trade-offs und Alternativen auf. Sein Fokus liegt auf langfristiger Leistungsfähigkeit: Krafttraining als Basis, sinnvoll dosiertes Ausdauertraining, gute Regeneration und Routinen, die im Alltag wirklich funktionieren. Ernährung: pescetarisch, proteinbewusst, mit Augenmerk auf Sättigung, Energie und Metabolik. Wenn Thorsten Produkte oder Marken erwähnt, dann transparent und nutzenorientiert. Empfehlungen gibt es nur, wenn sie fachlich begründbar sind und zum jeweiligen Einsatz passen.

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