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Wenn das Eis geht: Die Alpen im Klimawandel

Der Weißsee an der Bergstation, im Wasser spiegeln sich die Gipfel und Gletscher
© Weißsee Gletscherwelt

Ein Gletscher im Stubachtal verliert in einem Jahr über 100 Meter, im Sommer 2026 fährt in den Alpen kein Lift mehr zum Sommerski. Was sich am Berg verändert, was die Forschung erwartet und wie du dich darauf einstellst.

Wer im Sommer mit der Gletscherbahn zur Rudolfshütte fährt, steigt auf gut 2.300 Metern aus und steht am Weißsee. An windstillen Tagen liegen die Gipfel der Hohen Tauern ein zweites Mal im Wasser, kopfüber und gestochen scharf. Es ist einer dieser Orte, an denen man das Handy herausholt, obwohl man weiß, dass das Foto es nicht einfängt.

Was man auf dem Foto auch nicht sieht: wie schnell sich die Landschaft dahinter verändert. Nicht weit davon, im Talschluss des Stubachtals, liegt das Stubacher Sonnblickkees. Im Gletscherjahr 2024/25 hat es sich nach den Messungen des Österreichischen Alpenvereins um mehr als 100 Meter zurückgezogen. In einem einzigen Jahr.

Diese Story erzählt, was sich in den Alpen gerade verschiebt, so wie es Bergsportlerinnen und Bergsportler erleben: am Gletscher, am Fels, an der Piste. Und was daraus für deine nächste Tour folgt.

Die Alpen in vier Zahlen

Gletschern in Österreich zogen sich 2024/25 zurück
94 von 96
Meter Rückzug am Sonnblickkees in einem Jahr
100+
erstes Kalenderjahr über 1,5 Grad weltweit
2024
ab hier könnte das Abschmelzen in den Alpen seinen Höhepunkt erreichen
2033

Vom Schwund zum Zerfall

Der Gletschermessdienst des Alpenvereins geht jedes Jahr am Ende des Sommers hinaus und misst, wie weit die Zungen von fast hundert österreichischen Gletschern zurückgewichen sind. Den Bericht für 2024/25 hat er im März 2026 veröffentlicht, und schon der Titel sagt viel: „Vom Schwund zum Zerfall“. Von 96 beobachteten Gletschern zogen sich 94 zurück. Am stärksten der Alpeiner Ferner in den Stubaier Alpen und eben das Stubacher Sonnblickkees in Salzburg, beide um mehr als 100 Meter. An der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs, bricht die Zunge weiter auseinander.

Zerfall ist dabei wörtlich gemeint. Ein Gletscher, der nur schmilzt, wird kürzer und dünner. Ein Gletscher, der zerfällt, bekommt Löcher, Eistunnel und Inseln aus Toteis, die vom Rest abgeschnitten sind und für sich wegtauen. Auf den Fotos des Messdiensts sieht man Eistunnel, durch die das Schmelzwasser läuft, wie am Wildgerloskees in den Zillertaler Alpen.

Wanderer zwischen Holzhäusern in Innergschlöss, im Hintergrund das Schlatenkees
Innergschlöss in Osttirol mit Blick zum Schlatenkees, einem der Gletscher am Großvenediger.

Wie es weitergeht, hat ein internationales Forschungsteam 2025 in der Fachzeitschrift Nature Climate Change durchgerechnet. Für Regionen mit vielen kleinen Gletschern wie die Alpen erwarten die Forschenden den Höhepunkt des Gletschersterbens schon ab 2033. Danach verschwinden pro Jahr wieder weniger Gletscher. Der Grund ist kein guter: Es ist dann schlicht weniger übrig, das verschwinden kann. Bis 2100 könnten in den Alpen fast alle Gletscher Geschichte sein.

Das hat mit dem großen Bild zu tun. Nach den Daten des europäischen Copernicus-Dienstes war 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen und das erste Kalenderjahr, in dem die Welt im Mittel mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag. Am Gletscher kommt ein Effekt dazu, den jeder kennt, der im Sommer über eine Gletscherzunge gegangen ist. Solange Schnee auf dem Eis liegt, wirft er das Sonnenlicht zurück. Je früher im Jahr er wegschmilzt, desto länger liegt dunkles, schmutziges Eis in der Sonne. Und das schmilzt schneller.

Wenn der Kitt nachgibt

Gletscher sieht man. Was im Fels passiert, sieht man erst, wenn es zu spät ist. In vielen Nordflanken ab etwa 2.400 Metern, an Südseiten erst weiter oben, steckt Permafrost: Gestein, das das ganze Jahr gefroren bleibt. Das Eis in den Klüften hält den Berg zusammen wie Mörtel eine Mauer. Taut es, verliert der Fels seinen Halt.

Wie das enden kann, hat das Lötschental im Wallis gezeigt. Mitte Mai 2025 bemerkten Geologen, dass sich die Flanke des Kleinen Nesthorns innerhalb weniger Tage um 17 Meter bewegt hatte. Das Dorf Blatten wurde evakuiert. Am 28. Mai stürzten Millionen Kubikmeter Fels auf den Birchgletscher, dessen Zunge unter dem Gewicht abbrach, und eine Lawine aus Eis und Geröll begrub den Ort fast vollständig. Der Deutsche Wetterdienst ordnet den Bergsturz in eine Reihe ein, zu der auch der Piz Cengalo 2017 gehört. Fachleute sehen im Klimawandel einen entscheidenden Faktor: tauender Permafrost, Gletscher, die nicht mehr stützen, Wasser, das in Spalten gefriert und den Fels sprengt.

Für dich als Bergsteigerin oder Bergsteiger folgt daraus vor allem eines: anders planen.

Ein Helm gehört auf solchen Touren auf den Kopf, auch dort, wo früher niemand einen trug. Die Stirnlampe gehört in den Rucksack, weil der bessere Start oft im Dunkeln liegt. Und eine Sonnenbrille mit starkem Filter, weil Firn, Fels und Wasser in der Höhe das Licht doppelt zurückwerfen.

Der Sommer ohne Ski

Am deutlichsten merkt man den Wandel an einem Ort, an dem man ihn kaum erwartet: an der Liftkasse. Jahrzehntelang konnte man in den Alpen auch im Juli Ski fahren, auf Gletschern wie in Hintertux oder am Kitzsteinhorn. Nationalteams steckten dort im Hochsommer ihre Tore, Skiclubs buchten ganze Wochen.

Die Tourismusforscher Bruno Abegg und Marius Mayer haben schon nach dem Sommer 2022 gewarnt. Damals trafen ein schneearmer Winter und ein heißer Sommer zusammen, die Gletscher verloren so viel Eis wie nie, und die Zahl der Sommerskitage in Österreich fiel auf einen Tiefstwert. Ihr Befund, 2023 in Frontiers in Human Dynamics: Zusammen mit dem Rückzug der Gletscher könnte das das Ende des Sommerskilaufs in den Alpen einläuten.

Drei Sommer später ist es so weit. Im August 2026 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass in diesem Sommer erstmals seit rund 50 Jahren in den Alpen nirgends mehr ein Lift für Sommerski lief. Der Winter beginnt auf den Gletschern weiterhin im Herbst. Aber die Saison schrumpft von beiden Enden.

Zwei Tourengeher steigen über einen verschneiten Rücken, dahinter Gletscher und Gipfel des Kitzsteinhorns
Herbst am Kitzsteinhorn: Auf den Gletschern beginnt der Winter weiterhin früh. Den Sommer über ruht der Betrieb inzwischen.

Für die Skigebiete in tieferen Lagen, gerade in Deutschland, ist das keine ferne Zukunft. Wer in den Bayerischen Alpen oder im Mittelgebirge fährt, kennt die Winter, in denen nur das weiße Band der beschneiten Piste durch grüne Wiesen läuft. Die Gebiete reagieren unterschiedlich: mit mehr Beschneiung, mit Sommerangeboten, mit Bahnen, die auch zum Wandern fahren. Welche Gebiete gerade offen haben und wie viel Schnee liegt, zeigen die Skigebietsseiten und das Wetterradar.

Zurück am Weißsee

Zurück im Stubachtal, an einem Spätsommertag. Die Weißsee Gletscherwelt trägt das Eis noch im Namen. Wer heute hier oben wandert, geht über Moränen, an kleinen Seen vorbei und auf Gipfel wie den Medelzkopf, von dem man tief unten die türkisen Stauseen sieht. Es ist schön hier. Es ist nur nicht mehr dieselbe Landschaft wie vor zwanzig Jahren, und in zwanzig Jahren wird sie wieder eine andere sein.

3D-Ansicht der Weißsee Gletscherwelt: Enzingerboden mit Talstation, Parkplatz und Stausee im Stubachtal

3D-Orientierung · 7 Kapitel

Weißsee Gletscherwelt

3D-Ansicht: Gelände ALS-DTM 1 m © BEV (CC BY 4.0) und Mapzen Terrain Tiles (AWS Open Data), Luftbild basemap.at (CC BY 4.0), Gebäude, Bahnen und Wege © OpenStreetMap-Mitwirkende

Auf den Medelzkopf

Von uns gegangen · Weißsee Gletscherwelt

Mit der Gletscherbahn zur Rudolfshütte und zu Fuß auf 2.760 Meter, mitten im Nationalpark Hohe Tauern. Wir waren im Sommer 2026 als Familie dort.

  • Gipfel: Medelzkopf, 2.760 m.
  • Start: Berghotel Rudolfshütte, Bergstation auf 2.315 m.
  • Weg: Sessellift Medelz, dann über einen Steig zum Gipfel.

17 Kilometer durchs Stubachtal

Enzingerboden · 1.480 m

Von Uttendorf führt die mautfreie Panoramastraße durch das Stubachtal rund 17 Kilometer bis zur Talstation am Enzingerboden auf 1.480 Metern. Hier beginnt der Weg nach oben.

Über den Grünsee zur Rudolfshütte

Weißsee Gletscherbahn · bis 2.315 m

Die Gletscherbahn fährt über die Mittelstation Grünsee hinauf zur Bergstation Rudolfshütte auf 2.315 Metern. Unten Wald und Talboden, oben Fels, Seen und die ersten Gletscher.

Der Weißsee an der Bergstation, im Wasser spiegeln sich Gipfel und Gletscher
© Weißsee Gletscherwelt

Am Weißsee

Weißsee · Sonnblickkees

Direkt an der Bergstation liegt der Weißsee, darüber das Sonnblickkees. Das Berghotel Rudolfshütte gibt es laut Tourismusverband seit 1874; wegen des Baus der Weißsee-Staumauer wurde es verlegt.

Schmaler Wanderweg über Almwiesen bei der Rudolfshütte, dahinter Gipfel mit Schneefeldern
© Weißsee Gletscherwelt

Mit dem Sessellift auf 2.600 Meter

Sessellift Medelz · Aussichtsplateau 2.600 m

Vom Berghotel geht es zum Doppelsessellift Medelz und hinauf zur Bergstation. Von dort führt der Weg entlang der Medelzlacke zum Aussichtsplateau. Laut Betreiber reicht der Blick von hier ins Dorfertal nach Kals.

Gipfelkreuz auf einem Felsgipfel, tief unten zwei türkise Stauseen im Stubachtal
© Weißsee Gletscherwelt

Der Steig zum Gipfel

Medelzkopf · 2.760 m

Vom Plateau geht es über einen Steig auf den Medelzkopf mit 2.760 Metern. Der Betreiber nennt rund anderthalb Stunden Gehzeit. Trittsicherheit ist laut Betreiber in jedem Fall Voraussetzung.

Hoch hinaus mit kurzem Aufstieg

Für wen passt sie?

  • Passt, wenn … du in die Gletscherwelt willst, ohne den ganzen Weg zu Fuß zu gehen: Bahn und Sessellift bringen dich auf rund 2.600 Meter.
  • Eher nicht, wenn … du nicht trittsicher bist. Dann ist das Aussichtsplateau das schönere Ziel.

Auch an warmen Sommertagen kann es auf über 2.300 Metern deutlich kühler sein, sagt der Tourismusverband.

Unterkünfte im Haus-Check Wanderschuh-Berater Anreise: Stubachtal und Enzingerboden

Das ist vielleicht die ehrlichste Art, über den Klimawandel in den Bergen zu reden: mit einem Ort, den man kennt. Wer einmal am Weißsee stand und zehn Jahre später wiederkommt, braucht keinen Gletscherbericht, um zu sehen, was passiert ist.

Gehen solltest du trotzdem. Gerade jetzt. Wer die Alpen liebt, lernt sie in diesen Jahren in einem Zustand kennen, den es so nicht mehr lange gibt. Und wer draußen ist, sieht die Veränderung mit eigenen Augen statt in einer Statistik. Was du dabei tun kannst, ist überschaubar und konkret: mit Bahn und Bus anreisen, wo es geht, länger bleiben statt öfter fahren, Verhältnisse prüfen statt sich auf alte Beschreibungen zu verlassen. Alle Wanderwege rund um den See und den Weg zum Medelzkopf findest du im Wandergebiet Weißsee Gletscherwelt.

Gipfelkreuz auf einem Felsgipfel, tief unten zwei türkise Stauseen im Stubachtal
Gipfel über dem Stubachtal: Wo Eis war, liegt heute oft Fels. © Weißsee Gletscherwelt

Draußen steht dir, auch wenn sich draußen alles ändert

Die Ausrüstung für die Berge von heute ist eine etwas andere als vor zwanzig Jahren. Mehr Schutz von oben, weil Steine fallen, wo früher Eis lag. Ein frühes Licht, weil der sichere Zeitpunkt sich in den Morgen verschiebt. Und Kleidung, die vor der Sonne schützt, die in der Höhe stärker brennt als im Tal.

Beim Helm lohnt ein Blick auf das Etikett. Für Bergsteigen und Klettern gilt die Norm EN 12492, und für diese Belastung sind Ski- und Radhelme nicht gebaut. Leichte Modelle aus Schaum sparen Gewicht im Rucksack, Modelle mit harter Schale stecken Stöße und das Herumwerfen auf der Hütte besser weg. Welcher passt, entscheidet am Ende dein Kopf, nicht das Datenblatt.

Welche Lampe zu deinen Touren passt, klärt der Stirnlampen-Berater. Und wenn du lieber erst einmal mit Ski statt mit Seil auf den Gletscher willst: Welche Gebiete im Herbst als Erste öffnen, steht auf den Skigebietsseiten.

SF

Inspiration, Wissen und Ausrüstung für Menschen, die draußen mehr erleben wollen.

GebietHinkommen, bleiben, ausrüsten

Weißsee Gletscherwelt – Stubachtal

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