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Der Sommer ohne Ski

Ein Skifahrer fährt auf einem sonnigen Schneehang eine enge Kurve vor felsigen Gipfeln und einem tiefen Tal. (KI-generierte Darstellung)
KI-generierte Darstellung

Jahrzehntelang konntest du in den Alpen im Juli Ski fahren. Im August 2026 schloss das letzte Sommerskigebiet. Eine Geschichte über Hintertux, Zermatt und Saas-Fee, über das Eis darunter und darüber, was am Gletscher bleibt.

Es gab eine Zeit, da war der Juli in Hintertux ein ganz normaler Skimonat. Um acht Uhr standen die Rennteams an der Gondel, um zehn waren die ersten Trainingsläufe gesteckt, und mittags saßen sie in kurzen Hosen auf der Terrasse, während unten im Tal das Freibad öffnete. Wer im Sommer Ski fahren wollte, fuhr ins Zillertal, nach Zermatt oder nach Saas-Fee. Das war so selbstverständlich wie der Schnee auf dem Plakat.

Im August 2026 war es vorbei. Mit dem Gletscher am Stilfser Joch schloss Mitte August das letzte Skigebiet der Alpen, das im Sommer noch geöffnet hatte. Nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konnte man damit zum ersten Mal seit Jahrzehnten nirgends in den Alpen im Sommer Ski fahren. Diese Geschichte erzählt, wie es dazu kam, was die Messungen am Eis zeigen und was dir am Gletscher bleibt.

Hintertux: das Ende eines Versprechens

Der Hintertuxer Gletscher war über Jahrzehnte das, was man ein Versprechen nennt. Seit 1971 lief hier der Skibetrieb das ganze Jahr, zuletzt als einziges Skigebiet Österreichs. Gletscherbus 3 bringt dich auf über 3.000 Meter, der höchste Punkt liegt bei 3.250 Metern an der Gefrorenen Wand. Die Talabfahrt reicht im Winter bis hinunter nach Hintertux auf 1.500 Meter.

Bis 2022 hielt das Versprechen. 2023 stand der Betrieb im Sommer erstmals an einzelnen Tagen still, 2024 für sechs Wochen ab Mitte August. 2025 dauerte die Pause von Ende Juli bis Ende September, 2026 von Mitte Juli bis Anfang Oktober. Am 2. Oktober 2026 lief der Skibetrieb wieder an. Diesmal als Beginn des Winters.

Menschenleere präparierte Gletscherpiste am frühen Morgen über 3000 Metern (KI-generierte Darstellung)
Früh am Gletscher war der Firn am griffigsten. Ab Mittag weichte ihn die Sonne auf. · KI-generierte Darstellung

Was in Hintertux passiert ist, hat die Tourismusforschung früh beschrieben. Bruno Abegg und Marius Mayer von der Hochschule München haben den Sommer 2022 untersucht, als ein schneearmer Winter und ein heißer Sommer zusammenkamen und auf den Gletschern der Alpen Rekordschmelze brachten. In Österreich sank die Zahl der Sommerskitage auf einen Tiefstwert. Ihr Fazit: Zusammen mit dem Rückzug der Gletscher könnte das in naher Zukunft das endgültige Ende des Sommerskilaufs in den Alpen bedeuten. Sie schrieben das 2023. Drei Sommer später ist es eingetreten.

Abegg und Mayer nennen noch einen zweiten Grund, warum es schnell gehen kann. Viele der Gäste im Hochsommer waren Rennteams. Nationalmannschaften, Skiclubs und Skischulen buchten ganze Wochen, um im Juli Tore zu stecken. Wenn sie ihr Training dauerhaft anders planen, fehlt den Gletschern die Kundschaft, für die sich der Sommerbetrieb gerechnet hat. Ein Lift, der im August nur für ein paar Urlauber fährt, ist schwer zu halten. Dann kommt zum fehlenden Schnee das fehlende Geschäft.

Zermatt und Saas-Fee: die Höchsten geben auf

Wenn irgendwo der Sommerski überleben sollte, dann in Zermatt. Die Bahn fährt über Furi und Trockener Steg bis aufs Klein Matterhorn auf 3.883 Meter, so hoch wie nirgends sonst in den Alpen. Oben, auf dem Theodulgletscher, lagen laut Zermatt Tourismus im Sommer rund 21 Kilometer Piste. Die Empfehlung war immer dieselbe: früh starten, bevor die Morgensonne den Schnee weich macht. Zermatt warb mit 365 Skitagen im Jahr. Im Sommer 2026 musste auch Zermatt aufgeben.

Skifahrer blickt auf dem Gletscher auf eine markante pyramidenförmige Felsspitze (KI-generierte Darstellung)
Über 3.800 Meter: In Zermatt fuhrst du jahrzehntelang auch im Sommer Ski, mit Blick auf das Matterhorn. · KI-generierte Darstellung

Ähnlich in Saas-Fee. Am Allalin trainieren nach Angaben der Bergbahnen die meisten Skiteams der Welt, 20 Kilometer Piste stehen in einem normalen Sommer bereit. In diesem Herbst konnte das Gebiet erst am 3. Oktober wieder teilweise öffnen, mit den beiden oberen Liften Allalin 2 und Allalin 3. Die unteren Lifte blieben vorerst zu. Die Begründung der Bergbahnen steht in einem Satz: aufgrund der aktuellen Gletscherverhältnisse.

Das ist die Pointe, die man nicht überlesen sollte. Es fehlte nicht an Höhe. Es fehlte am Eis darunter.

Skifahrer im Pulverschnee auf einer Piste in Saas-Fee, dahinter verschneite Viertausender
Saas-Fee im Winter. Im Herbst 2026 öffnete das Gebiet zunächst nur mit den beiden obersten Liften.

Was die Messungen zeigen

Wie schnell das Eis schwindet, misst in Österreich seit über hundert Jahren der Gletschermessdienst des Alpenvereins. Sein Bericht für 2024/25 erschien im März 2026 unter dem Titel „Vom Schwund zum Zerfall“. Von 96 beobachteten Gletschern zogen sich 94 zurück. Am stärksten der Alpeiner Ferner in den Stubaier Alpen und das Stubacher Sonnblickkees in Salzburg, beide um mehr als 100 Meter in einem einzigen Jahr. An der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs, zerfällt die Zunge weiter.

Die Zahlen muss man nicht glauben, man kann sie nachsehen. Seit 2025 stellt der Alpenverein die Messdaten in einem öffentlichen Gletschermonitor online, zurück bis in die Anfänge des Messdienstes. Wer dort einen Gletscher anklickt, den er von einer Tour kennt, sieht seine Geschichte als Linie, und sie zeigt fast immer in dieselbe Richtung. Für manche ist das der Moment, in dem aus einer Nachricht eine persönliche Sache wird.

Gletscher in Zahlen

Gletschern in Österreich zogen sich 2024/25 zurück
94 von 96
Rückgang am Alpeiner Ferner und am Stubacher Sonnblickkees
über 100 m
Klein Matterhorn: höher fährt in den Alpen keine Bahn
3.883 m
erster Sommer seit Jahrzehnten ohne Sommerski in den Alpen
2026

Das Stubacher Sonnblickkees liegt über der Weißsee Gletscherwelt im Stubachtal. Wer dort im Sommer zur Rudolfshütte hinaufsteigt, sieht, was die Zahlen bedeuten: helle Felsflächen und Moränen, über die vor wenigen Jahrzehnten noch Eis floss. Wie es dort weitergeht, erzählen wir in unserer großen Geschichte Wenn das Eis geht.

Familie rastet auf Felsen an einem kleinen Bergsee in der Weißsee Gletscherwelt, dahinter die Gipfel der Hohen Tauern
Bergsee in der Weißsee Gletscherwelt. Darüber liegt das Stubacher Sonnblickkees, einer der Gletscher mit dem größten Rückgang 2024/25.

Was am Gletscher bleibt

Wer jetzt traurig auf seine Sommerski blickt, kann das tun. Der Gletscher ist noch da, nur die Art, ihn zu erleben, ändert sich. Im Herbst und Frühjahr fahren die hohen Gebiete weiter Ski. Hintertux, der Stubaier Gletscher, das Kitzsteinhorn und das Pitztal haben die Saison 2026/27 zwischen Ende September und Mitte Oktober begonnen und planen bis in den Mai. Die Skisaison rückt in den Herbst und ins Frühjahr.

Luftaufnahme des Kitzsteinhorns mit Gletscherskigebiet
Das Kitzsteinhorn über Kaprun fährt von Oktober bis ins Frühjahr, im Hochsommer ruht der Skibetrieb.

Im Sommer wird aus dem Skigebiet ein Ausflugsziel. Am Stubaier Gletscher führt die Aussichtsplattform Top of Tyrol auf 3.210 Meter, sieben Gehminuten von der Bergstation. Von dort reicht der Blick an klaren Tagen weit über die Stubaier Alpen, und direkt darunter liegt der Ferner, auf dem im Herbst wieder die ersten Schwünge gezogen werden. In Zermatt, Saas-Fee und Hintertux fahren die Bahnen weiter hinauf, und auf markierten Wegen kommst du dem Eis so nah, wie es ohne Seil geht. In Hintertux kannst du sogar ins Eis hinein. Knapp unter der Bergstation des Gletscherbus 3 liegt der Eingang zum Natur Eis Palast, einer begehbaren Gletscherspalte. Über Leitern und Treppen steigst du rund 25 Meter tief hinab, zwischen Wände aus blauem Eis, das älter ist als jeder Lift am Berg. Wer dort unten steht, versteht ohne Grafik, was Gletscherschwund heißt. Jeder Meter, der oben schmilzt, fehlt hier unten.

Wer auf den Gletscher selbst will, geht mit Bergführerin oder Bergführer, Seil und Steigeisen. Spalten sieht man im Sommer oft erst, wenn man davorsteht.

Und es gibt etwas, das man nicht kleinreden sollte: Wer heute einen Gletscher sieht, sieht ihn vielleicht so zum letzten Mal. Die Gletscher, die es in deinem Leben noch gibt, sind kein Grund zum Wegbleiben. Sie sind ein Grund, hinzuschauen, solange es geht, mit Respekt und ohne Spur abseits der Wege.

Draußen steht dir, auch auf 3.000 Metern im Juli

Auf dem Gletscher im Sommer ist das Licht ein anderes. Die Sonne steht hoch, Schnee und Eis werfen sie zurück, und in der Höhe ist die Luft dünn. Ohne Schutz holst du dir in einer Stunde einen Sonnenbrand, den du im Tal einen ganzen Tag lang nicht bekommst. Und die Augen leiden zuerst.

Was du brauchst, ist deshalb vor allem Schutz von oben: eine Sportbrille mit seitlichem Abschluss, ein leichter Hoody mit Kapuze, der Arme und Nacken bedeckt, und eine Schicht gegen den Wind, der am Grat auch im Juli kalt ist. Den Rest erledigt die Sonnencreme.

Welche Schicht du für Wind und Kälte am Grat brauchst, zeigt der Isolationsjacken-Berater, welcher Schuh auf steinigen Wegen zum Gletscher hält, der Wanderschuh-Berater. Und wenn du im Herbst lieber wieder Kanten auf Eis spüren willst: Die Seiten zu Hintertux, Zermatt und Saas-Fee zeigen, was gerade offen ist.

Der Sommerski ist Geschichte. Der Gletscher ist es noch nicht.

SF

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